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District Lugini

Lugini – Hauptort der Region

large111_1118Lugini liegt etwa 150 km in nordwestlicher Richtung von Kiev entfernt. Das Ort liegt in einer kleinen Senke und wird von einem schmutzigen, aber malerischen Flüsschen in zwei Hälften geteilt. Die Umgebung ist sehr flach mit kaum erkennbaren Hebungen und Senkungen, die es aber erlauben, die weiten Felder und Wälder, welche die Landschaft prägen, zu überblicken. Der Hauptort Lugini ist weitläufig angelegt, nur der Kern ist relativ kompakt. Da befinden sich auch der Markt, verschiedene kleine Geschäfte mit mehr oder weniger grosser Auswahl. Der wöchentliche Strassenmarkt erfreut sich immer grosser Beliebtheit, da an diesen Tagen die Auswahl für dortige Verhältnisse besonders gross ist.

large110_1061Mit Ausnahme von sieben Wohnblöcken, besteht Lugini aus kleinen, schmucken und liebevoll gepflegten Holzhäusern. Sie werden meist von kleinen Gärtchen umgeben, denen man es ansieht, dass die Besitzer viel Zeit und Liebe dafür aufwenden. Die Wohnverhältnisse sind sehr einfach. Fliessendes Wasser gibt es nur in ganz wenigen Häusern und auch da nur kalt. das Wasser riecht schlecht und sollte nicht getrunken werden. Das Wasser wird zum grossen Teil aus Ziehbrunnen (ca. 5m tief) neben den Häusern geholt. Auch in den Wohnblöcken haben nicht alle fliessendes Wasser, obwohl die notwendigen Vorrichtungen vorhanden sind. Doch der Druck in den Leitungen ist zu Schwach, so dass das Wasser nur bis zum zweiten Stock kommt. Meistens wird das Warmwasser mit einem Gas-Durchlauferhitzer erzeugt. Zum Kochen wird für kleinere Gerichte der Gasherd verwendet, sofern man es sich leisten kann. Hauptsächlich wird aber am grossen Holzofen gekocht, der einen Teil des Hauses gleich noch mitheizt. Ausser dem Kühlschrank, Fernseher, Radio und dem Staubsauger findet man selten technische neuere Errungenschaften. So wird immer noch von Hand in der Badewanne gewaschen.

Viele Bewohner in Lugini haben ein grösseres Stück Land, von dessen Ertrag sie sich hauptsächlich ernähren. Die Bearbeitung des Bodens und der Unterhalt sind sehr arbeitsintensiv. Da kaum jemand ein Tiefkühlgerät besitzt, muss die Ernte haltbar gemacht werden, was wieder viel Zeit erfordert. Ab und zu wird im örtlichen Lebensmittelgeschäft Fleisch angeboten, trotzdem kaufen die Leute lieber Jungtiere, mästen diese ein paar Wochen und Monate und schlachten sie dann selbst. Das ganze Fleisch wird innert weniger Tage eingesalzen und damit das bekannte ukrainische Salo, eine Art Speck hergestellt.

large111_1114Nur die Durchfahrtswege und das Dorfzentrum ist asphaltiert, sonst geht man über Trampelpfade, die man sich mit Gänsen, Truthähnen, Hühnern und Enten teilen muss. Was einerseits sehr idyllisch wirkt, verwandelt sich andererseits bei Tauwetter in Morast, so dass man etwa doppelt solange braucht, um irgendwo hinzukommen.

Kirchen gibt es erst wieder seit ein paar Jahren. Offenbar traute man der sowjetischen Religionspolitik nicht ganz, denn die orthodoxe Kirche steht etwas verloren am Dorfrand, obwohl es im Zentrum genug Platz gehabt hätte. Da dieses Gebiet bis 1993 zu Polen gehörte, sind heute noch viele Leute katholischen Glaubens. So wurde vor ein paar Jahren auch eine katholische Kirche errichtet, die nicht ganz am Dorfrand steht wie die orthodoxe. Die alten Kirchen waren in den dreissiger Jahren zerstört worden.

Die Geschichte Lugini’s

Glaubt man überzeugten Kommunisten, so ging es für Lugini ab 1917 nur noch aufwärts. Die Erfolgsgeschichte sei lediglich durch den Grossen Vaterländischen Krieg unterbrochen worden. Gerade in den siebziger und achtziger Jahren habe es alles gegeben. Heute hingegen lebten sie in bitterer Armut.

Lugini wurde 1929 zum Rajonszentrum ernannt, das heisst es erhielt eine eigene Verwaltung. Der Rajon umfasste 51 kleine Dörfer auf einem Gebiet von ca. 1000km2.

large110_1093Vor dem zweiten Weltkrieg lebten auch viele Juden in Lugini, das im ehemaligen Ansiedlungsrayon lag, dieser lag an der Westgrenze Russlands und erstreckte sich von der Ostsee bis zum schwarzen Meer. Während der zweijährigen Besatzungszeit nach Ausbruch des Krieges, wurde praktisch die ganze jüdische Bevölkerung ermordet, auch Ukrainerinnen und Ukrainer wurden erschossen oder verschleppt. Etwa 1000 bis 4000 Einwohner liessen ihr Leben. Das Zentrum von Lugini wurde völlig verwüstet.

Der Aufbau nach dem Krieg war unendlich schwer, denn es fehlte an allem. Zum Teil musste die Erde von Hand oder mit kleinen Schaufeln umgegraben werden. Etwas besser wurde es, als die Männer, die überlebt hatten, aus dem Krieg heimkehrten. Doch erst in den fünfziger Jahren setzte eine langsame Besserung ein. Während des achten Fünfjahresplanes von 1965 bis 1970 wurden die Strassen im Zentrum geteert, Wohnblöcke errichtet, erste Gasleitungen gelegt, eine neue Schule gebaut. Das Dorf erhielt daraufhin auch die Benennung poselok gorodskogo tipa, Dorf städtischen Charakters. Es gab neu zum Teil fliessendes Wasser, die Strassen wurden asphaltiert und die öffentliche Sauna nahm ihren Betrieb auf.

Die negativen Auswüchse des Kapitalismus machen sich auch in Lugini bemerkbar. Sämtliche Betriebe stehen kurz vor dem Ruin oder sind schon geschlossen, einzig die Holz – Sowchose floriert.

large110_1084Die politischen Machtverhältnisse haben sich Lugini kaum verändert. Die politischen Vertreter von heute sind in den oberen Etagen die gleichen wie zu Sowjetzeiten. Entweder fehlen Alternativen oder wie vielerorts ist die Politik personenverbunden, so dass die Gesinnung nicht unbedingt mit der eigenen Haltung übereinstimmt, doch der Mensch an sich vertretbar erscheint.. Der fehlende Wechsel in den Behörden mag dafür verantwortlich sein, dass sich in Lugini seit dem Ende der Sowjetunion nur wenig geändert hat. Eigeninitiative wird nach wie vor kritisch beobachtet.

mit freundlicher Genehmigung von Gillian Cavarero, Lizentiatsarbeit Uni Basel, Titel: Der Einfluss der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl auf die Bewohnerinnen und Bewohner von Lugini, Juli 1997 (Auszüge von Seiten 6 – 12)