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Gesundheitliche Folgen

large120_2012Die meisten Menschen in dieser Gegend sind Selbstversorger und bewirtschaften aus Mangel an Finanzen ihren eigenen Garten und haben ihr eigenes Vieh. Die Strahlenbelastung in der Natur ist bei vielen Erzeugnissen noch sehr hoch. Aus Unkenntnis und natürlich auch dadurch, dass die Gefahr nicht gesehen werden kann, ernähren sich viele mit hoch belasteten Produkten. Die Langzeitfolgen sind schwer abzuschätzen. Tumore im Magen, Schilddrüsen- und Brustkrebs nehmen in der Bevölkerung rapide zu. Besonders davon betroffen sind Jugendliche in der Wachstumsphase. Verlässliche Zahlen über Erkrankungen sind schwer zu erhalten, es fehlt in allen betroffenen Ländern an finanziellen Mitteln, um übergreifende Diagnose- und Untersuchungsmethoden durchzuführen. Seit dem Unglück sind über 25’000 Liquidatoren (Arbeiter am Unglücksort) an der zu hohen Strahlenbelastung während Ihrer Arbeit im verstrahlten Gebiet gestorben.

Medizinische Folgen

So umstritten die Höhe von Grenzwerten ist, so umstritten sind die medizinischen Folgen des Unfalls. Einzig über die Zunahme von Schilddrüsenkrebs bei Kindern ist sich die Wissenschaft einig. Die Schilddrüse, ein wichtiges Organ im Hormonhaushalt, braucht Jod, um funktionieren zu können. Wären in den ersten 48 Stunden nach dem Unfall Jodtabletten an die Bevölkerung verteilt worden, so hätte die Schilddrüse nicht-radioaktives Jod anreichern können. Eine Jodprophylaxe wurde zum Teil gar nicht, zum Teil nur unzureichend oder zu spät durchgeführt, so dass sich die Schilddrüse mit radioaktivem Jod sättigte, welches durch die Explosionen freigesetzt wurde. Ist dieses Organ gestört, so leidet der ganze Organismus. Wenn die Schilddrüse entfernt wird, so müssen Medikamente die Aufgabe der Hormone übernehmen. Gerade diese speziellen Medikamente sind für die Betroffenen unerschwinglich.

Krankheits – Zahlen

Über die Zunahme anderer Krankheiten und deren Zusammenhang mit der Strahlung, sind die Wissenschaftler zerstritten. Dabei stossen nicht nur Aussagen aus Ost und West aufeinander, sondern auch innerhalb dieser Lager herrscht Uneinigkeit. Zu viele wirtschaftliche und politische Interessen sind in der Atomenergie involviert, als dass die Atomwissenschaft zu einer Einigung kommen könnte. So wird der Unfall in Tschernobyl für die eigenen Standpunkte instrumentalisiert. Die Atombeführworter mit der IAEA an ihrer Spitze versuchen, die Folgen zu verharmlosen oder gar zu verneinen. So heisst es in einem Bericht der WHO, der IAEA und der Europäischen Union: “1986 sind etwa 28 Menschen wegen des Unfalls gestorben, bis 1996 waren weitere 14 Strahlentote zu beklagen.”

Mit diesen Zahlen steht die IAEA alleine da. Andere Quellen gehen davon aus, das bis heute schon Tausende an den Folgen gestorben sind. Wieder andere rechnen in den nächsten Jahren wegen des Unfalls in Tschernobyl mit etwa 340′000 bis 475′000 zusätzlichen Krebstoten (alle Angaben in diesem Abschnitt ohne Gewähr).

Bei der Diskussion um die genauen Zahlen, wird die Bevölkerung vergessen. Wie aus Umfragen hervorgeht, fühlt sich diese krank. Viele klagen über Kopfschmerzen, Nasenbluten, Müdigkeit, Unkonzentriertheit und hohen Blutdruck. Lehrer klagen, dass es nicht mehr möglich sei, den vorgeschriebenen Schulstoff durchzunehmen, da die Kinder nicht mehr so aufnahmefähig seien. Manche dieser Beschwerden mögen zwar keinen direkten Zusammenhang mit de erhöhten Strahlung haben, doch die Menschen in den verstrahlten Gebieten leben in ständiger Angst: Angst von der Zukunft, vor einer schlimmen Krankheit, Angst um die Kinder.

Hinzu kommt das Wissen, dass man dieser unsichtbaren Gefahr ausgeliefert ist. Werden Beschwerden von Ärzten mit “Radiophobie” abgetan, so ändert dies nichts an der Tatsache, dass gerade auch psychischer Stress Krankheiten hervorrufen kann, die nicht unbedingt auf einer Genmutation beruhen. Unabhängig von medizinischen Statistiken verursacht die Strahlung menschliches Leid und beeinflusst auch gesunde Menschen. Die dadurch hervorgerufenen Perspektivlosigkeit, Apathie und Gleichgültigkeit, gerade auch bei Jugendlichen, verschärft die schwierige wirtschaftliche und soziale Lage in den betroffenen Gebieten.

mit freundlicher Genehmigung von Gillian Cavarero, Lizentiatsarbeit Uni Basel, Titel: Der Einfluss der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl auf die Bewohnerinnen und Bewohner von Lugini, Juli 1997 (Auszüge von Seiten 75-76)

Krankheitsarten

large121_2197Krankheiten, die direkt auf  erhöhte Strahlenbelastung der Reaktorkatastrophe zurückzuführen sind

Unmittelbar nach der Katastrophe stellte man in den betroffenen Bevölkerungsgruppen einen Anstieg der jährlichen Sterbeziffer fest. Nicht weniger als 84% der insgesamt drei Millionen Menschen, die vom Unglück direkt betroffen waren, wurden krank, darunter auch über eine Million Kinder. Bei etwa 92% der insgesamt 336 000 «Liquidatoren», die damals am Unfallort zum Einsatz kamen, wurden inzwischen Krankheiten diagnostiziert. Statistisch am häufigsten treten Erkrankungen des Blutkreislaufs, der Atemwege, des Nervensystems, des Magen-Darm-Bereiches und des Urogenital- Traktes auf. Festzustellen ist ausserdem, dass die Fälle von Schilddrüsenkrebs zunehmen, besonders bei Kindern.In den radioaktiv kontaminierten Gebieten ist die Geburtenzahl stark rückläufig, während die Zahl der Todesfälle markant ansteigt, was sich natürlich auch negativ auf die demografische Entwicklung in der ohnehin entvölkerten Region auswirkt.

Medizinische Untersuchungen

Langzeitstudien sind bei Kindern und den Liquidatoren wichtig

Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl hat etwa 3,5 Millionen Einwohner der Ukraine einer erhöhten Strahlenbelastung ausgesetzt. Unter diesen befanden sich auch 1,3 Millionen Kinder, die es heute ganz besonders im Auge zu behalten gilt. Über 90 000 Menschen sind zu Invaliden geworden. Die Fälle von Schilddrüsenkrebs nahmen um ein Mehrfaches zu.

Bedenkt man, dass 1/12 des ukrainischen Staatsgebietes radioaktiv kontaminiert wurde, dann wird deutlich, dass den medizinischen Untersuchungen über die Lebens- und Umweltbedingungen ein immer grösseres Gewicht zukommt.

Langzeitstudien haben ergeben, dass das Hauptaugenmerk einerseits den Kindern (besonders jenen mit Drüsenkrankheiten), andererseits den Liquidatoren gelten sollte, die nach der Katastrophe auf dem Reaktorgelände im Einsatz standen und heute unter Krankheiten leiden, die sich signifikant von jenen anderer Bevölkerungsgruppen unterscheiden. Hier zeigt sich auch, wie dringend die betroffene Bevölkerung auf die internationale Versorgung mit Medikamenten und medizinischer Infrastruktur angewiesen ist.

Aus Bericht über “Offizielle Stellungnahme des Ministeriums für Notfallfragen der Ukraine zu wichtigen Fragen im Zusammenhang mit dem Reaktorunfall von Tschernobyl”, Juli 2002
mit freundlicher Genehmigung www.chernobyl.info