Anastasias Leiden

Solange wie der Verein besteht, besuchen wir die Familie von Natascha, Natalja und Anastasia. Drei Schwestern, die mit ihren Eltern in einfachsten Verhältnissen leben. Natascha und Natalja haben mittlerweile ihre eigene junge Familie. Anastasia, das Nesthäkchen, wohnt mit 15 Jahren noch bei den Eltern und geht in Libniki in die Schule. Die Mutter verdient gerade mal 115 Franken als Melkerin auf der Kolchose. Der Vater bestellt die eigenen Felder.

Doch bei Anastasia ist seit Kurzem nichts mehr so, wie es früher mal war!

Bei ihr wurde Osteoporose (Knochenschwund) diagnostiziert, normalerweise eine Alterskrankheit. In der Tschernobyl-Region kommt dieses Krankheitsbild häufig auch bei Jugendlichen vor, hervorgerufen unter anderem durch Mangel an Vitamin D. Dazu kommt bei Anastasia eine deformierte Wirbelsäule. Wir unterstützen nun die Familie bei den ärztlichen Behandlungen, der Physiotherapie und beim Kauf von Trainings-Geräten sowie einer Gesundheitsmatratze.

Studieren in der Grossstadt Kiev - Inna hat es geschafft

Jedes Jahr nehmen wir neue Studenten in unser Unterstützungsprogramm auf, damit sie die Möglichkeit erhalten, an einer Universität oder einem Berufs-Collegue zu studieren. Studiengebühren und Lebensunterhalt in den Grossstädten der Ukraine sind für viele Studenten nicht mehr bezahlbar. Inna Torgaonskas Dankesbrief zeigt wie schwierig ihre Situation ist.

Sehr geehrte Mitglieder und Spender des Vereins Tschernobyl Kinder

Hiermit möchte ich mich herzlichst bei Ihnen für Ihre Unterstützung und Hilfe bedanken. Es ist ein grosses Glück im Leben, wenn man solch guten, aufrichtigen, hilfsbereiten Menschen begegnet, die auf unsere Nöte und Probleme eingehen, uns bei Lösungen helfen und uns dadurch Hoffnung und Glauben an die bessere Zukunft geben. In unserer Familie sind fünf Kinder und vor unseren Eltern steht eine nicht leichte Aufgabe uns aufzuziehen, für unsere Ausbildung zu sorgen, damit unsere Zukunft gesichert ist. Diese Aufgabe zu lösen, fällt unseren Eltern unter heutigen wirtschaftlichen Umständen nicht leicht. Deshalb sind wir für jede Hilfe und Unterstützung dankbar. Ihre Unterstützung bei der Finanzierung meines Studiums und des Wohnheimes war lebenswichtig nicht nur für mich, sondern für meine ganze Familie. Wenn es mehr solche gutherzige, aufopferungsbereite Menschen mit offenen Herzen gäbe, wären unsere Welt und unser Leben besser und schöner und fröhlicher. Meinen Brief möchte ich mit einemDank von unserer Familie für die grosse Arbeit, die Sie leisten, abschliessen. Wir wünschen Ihnen und Ihren Familien vor allem Gesundheit und alles Gute.

Mit freundlichen Grüssen

Inna Torgonska

Inna Torgonska, 18 jährig, studiert zurzeit im zweiten Jahr in Kiev Agrarwissenschaften und Ökonomie. Sie wohnt in einem Studentenheim, wo sie mit vier weiteren Mitstudentinnen ein Zimmer teilt. Die Platzverhältnisse sind nicht einfach, doch langsam hat sich Inna eingelebt. Das Leben bleibt teuer für eine junge Studentin in Kiev, doch sie ist froh hier zu sein. Sobald sie neben dem Studium mehr mehr Freizeit hat, möchte sie arbeiten gehen. Zuhause in Libniki lebt ihre Familie in einem einfachen Holzhaus. Ihr Vater arbeitet bei der staatlichen Telecomfirma für 150 Franken im Monat. Ihr Bruder Shenja ist gerade mal 13 Wochen alt. Zuhause leben die 17 jährigen Zwillinge Masha und Marina ohne Job Aussichten, sie waren 2006 bei uns im Sommerlager. Mutter Torgonska schaut neben ihren eigenen Kindern, noch auf die soeben gegründete Familie der ältesten 20jährigen Tochter, wo es gesundheitliche Probleme gibt.

Jugendlicher Leichtsinn gestoppt

Edik hätte um ein Haar die Kuh der Familie verkauft - wir konnten helfen

Edik besuchte mit 11 Jahren unser erstes Kinderlager 2004 im Haus Margess. Er fiel uns schnell als magerer, schüchterner, introvertierter kleiner Junge auf. Kein Lächeln kam über die Lippen des stummen kleinen Jungen! Bald stellte sich heraus, dass Edik wohl grossen Hunger verspürte und versuchte zu essen, doch seine Verdauung liess das neue ungewohnte Essen nicht zu. Nach ärztlichen Untersuchungen stellte sich heraus, das Edik an einer Unter- und Falsch-Ernährung litt. Zuhause gab es nur Kartoffeln und Brei zu essen. Wichtige Aufbaustoffe und Vitamine fehlten seinem Körper! Mit Magen-Beruhigungsmedikamenten sowie einer gezielten Aufbaunahrung konnte Edik Mitte des Lagers endlich normal essen. Bei der Heimreise wog der Knabe schon drei Kilo mehr und wir durften in ein glückliches Gesicht schauen, das viel Selbstvertrauen gewonnen hatte. Edik lebt mit seiner Mutter und seiner kleinen Schwester im Dorf Libniki in ei¬nem kleinen Bauernhaus mit zwei Zimmern; Wasser aus der Zisterne, Toilette im Garten, eine kleine Kochgelegenheit mit einem Holzofen. Seine Mutter hatte als starke Alkoholikerin das Leben nicht mehr im Griff. Jeden Tag trank sie bis zum Umfallen. Es gab schlimme Auseinandersetzungen mit Gewalt. Edik stellte sich dabei als grosser Bruder schützend vor seine Schwester und bekam, obwohl er versuchte so gut es ging den Haushalt zu führen, immer wieder die bitterböse Unberechenbarkeit seiner Mutter zu spüren.

Edik hat dieses Jahr die Grundschule in Lipniki nach 11 Jahren beendet. Für eine Einschulung in die Berufsschule oder Universität haben seine Schulnoten leider nicht gereicht, doch besteht in der Ukraine die Möglichkeit, ein zwölftes Schuljahr zu besuchen. Diese Ausbildung ist neu und sehr gut aufgebaut. Die Jugendlichen bekommen dort eine reelle Chance, sich zu bewähren, um ein biss-chen später den gewünschten Weg einzuschlagen. Um diese Schule zu besuchen fehlte ihm aber das Geld. Bei einem Besuch im Frühjahr 2010 trafen wir Edik und er sagte uns folgendes:

“Ich will und muss diese Schule besuchen! Vor Jahren habe ich eine grosse Hilfe, Zusammengehörigkeit und Mitgefühl in der Schweiz erlebt, die ich nicht vergessen habe. Nun bin ich bald erwachsen. Mit einem guten Abschluss kann ich meine Mutter und meine Schwester unterstützen, ihnen einen besseren Weg aufzeigen und für sie sorgen. Ich habe darum beschlossen unsere Kuh zu verkaufen und so das Schulgeld zu berappen!“

Fast hätte sein Jugendlicher Leichtsinn dazu geführt, die einzige Ernährungsquelle der bitter armen Familie zu verkaufen. Denn ohne den Verkauf der Milch hätten sie auch kein Einkommen für weitere Grundnahrungsmittel sowie Kleider gehabt! Dank schnellem Handeln konnte das Schulgeld durch unseren Verein übernommen werden und die Kuh ist weiterhin im Besitz der Familie, wo sie dringend benötigt wird. Edik besucht seit dem 1. September mit Erfolg das 12. Schuljahr!